Ein Kurs, zwei Ansichten
#1
Ich habe letzte Woche ein Buch mit dem Titel "One Course Two Visions" vom Circle of Atonement gelesen, erschienen im Jahr 2003. Darin setzen sich die Autoren mit den Lehren von Ken Wapnick auseinander und behaupten, dass Ken Wapnick in einigen grundlegenden Dingen etwas lehrt, was nicht im Kurs steht.

Der Hauptkritikpunkt ist der, dass Ken anscheinend lehrt, dass Gott gar nicht weiß, dass wir hier auf der Erde leben, dass Gott sich sozusagen nicht die Bohne für unser Leben hier interessiert, dass Er unsere Gebete nicht hört, und dass der Heilige Geist nichts in der Welt tut. Zu Lebzeiten von Helen Schucman hat Ken Wapnick all das aber nicht  gelehrt, sondern erst in den letzten ca. 25 Jahren. 

Die Leute vom Cirlce üben scharfe Kritik an einigen Lehren von Ken Wapnick und schreiben z. B. auf Seite 101:
"Was ich besonders bedenklich finde ist, dass Wapnicks Ansatz nicht dargestellt wird als das, was er ist, nämlich eine gewagte, riskante, kreative Interpretation. Stattdessen wird er als 'reiner Kurs' dargestellt."  
(I am expecially concerned because Wapnick's approach is not framed as what it is, as a rather daring, risky, creative interpretation. Instead, it is framed as 'pure course'.)

Ich finde, dass dieses Buch gerade auch für Anfänger sehr gut geeignet ist, weil es sich mit der Metaphysik des Kurses befasst und gut verständlich geschrieben ist. Leider gibt es das Buch nur auf Englisch.

Ob man nun der Auslegung von Ken Wapnick oder der des Circle of Atonement folgen will - oder keiner von beiden - muss natürlich sowieso jeder mit Hilfe des Heiligen Geistes selber entscheiden.  Und es geht dem Kurs ja bekanntlich auch gar nicht um Theologie, sondern um direkte Erfahrung.  Aber interessant fand ich dieses Buch trotzdem.
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#2
(07.07.2017, 08:52)Marie schrieb: Aber interessant fand ich dieses Buch trotzdem.

Oh ja, solche Interpretationen finde ich auch immer wieder spannend. Am meisten bin ich davon fasziniert, dass die hauptsächlichen Richtungen des Nondualismus wie Buddhismus, Advaita, Tibetischer Buddhismus, (Kurs) etc. sich in ihren Aussagen zum Wesen der Wirklichkeit aber auch so was von unterscheiden. Man sollte es nicht meinen, schließlich handelt es sich bei allen um die Spielwiese "Das Eine ohne ein Zweites" ...

Kenneth Wapnick hatte mal gesagt/geschrieben, er interpretiere den Kurs nicht. Was er sage, das sei der Kurs. Naja, das ging den Leuten vom Circle (und anderen) ziemlich auf den Senkel. Dazu kam, dass K.W. keinerlei Beschränkungen in seiner Schreibe unterlag, während alle anderen mit dem Copyright beim Zitieren zu kämpfen hatten. Das ging natürlich auch vielen auf den Senkel.

Jetzt muss ich sagen, dass mir so einige Aussagen der Schreiber beim Circle auch nicht so sonderlich schmecken. Ich erinnere mich an eine Abhandlung von Robert Perry über die Individualität, in der er ihr eine Art von Wirklichkeit zusprach. Ich habe es mit Stirnrunzeln gelesen. Aber auch bei Wapnick finde ich das eine oder andere schräg. Ich bin mir nicht sicher, ob sein "Beobachter- und Entscheiderkonzept" nicht in eine weniger hilfreiche Richtung weißt.

Aber letztlich muss jeder selbst sehen, was er akzeptieren kann oder nicht. Und wenn es sich jemand ganz besonders schwer machen will, dann lehnt er eben jegliche "Theologie" strikt ab - weil sie ja Illusion ist und weil es nicht um sie geht. Naja, der eine muss irgendwann lernen, dass seine Vorstellungen, die er in den Kurs hinein interpretiert, völlig Banane sind, und der andere (der ohne Konzept) muss irgendwann akzeptieren, dass er sich an ein Nichtkonzept klammert - was paradoxerweise auch wieder eine "Vor-Stellung" ist.

Jedenfalls kann niemand falsch liegen. Es endet alles beim selben Ziel. Dabei gibt es natürlich eine Ausnahme: dieses Forum. Smile Das liegt daran, dass es das "Nicht-Beliebigkeits-Konzept" vertritt und damit EIN Thema in einer besonderen Form. Unabhängig davon, ob er eine oder andere bei dem Wort "Form" Pickel bekommt.

Herz Gregor
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