Kapitel 31.I
#1
Das letzte Kapitel des Textbuches ist so etwas wie der letzte Satz einer Sinfonie: Das schnelle Finale in Grundtonart. Hier werden die Kerngedanken des Kurses noch einmal in einer atemberaubenden Zusammenstellung dargelegt: Von ganz allgemein über ganz konkret bis höchst praktisch. Und am Anfang steht der Paukenschlag:

Wie einfach ist doch die Erlösung!

Das ist offensichtlich unser größtes Problem, diese Einfachheit. Denn was ist einfacher zu lernen als die Tatsache, dass nur das  Wahre wahr und das Falsche falsch ist. Und dass das Wahre niemals falsch und das Falsche niemals wahr sein kann. Du sagst, du kannst das Wahre nicht vom Falschen unterscheiden? Das kann nicht sein, denn der Kurs ist in dieser Hinsicht an unzähligen Stellen konsequent und eindeutig: Was wahr ist, ist gekennzeichnet durch Liebe, nicht Angst, Ganzheit, nicht Mangel, Teilen, nicht Ausschluss, Ewigkeit, nicht Anfang und Ende. Aber trotz der eindeutigen Unterscheidungsmerkmale verwechseln wir die Wirklichkeit mit der Welt, uns selbst mit dem Ego, den Geist mit dem Körper, Freude mit Schmerz, Freiheit mit Gefangenschaft und das Leben mit dem Tod.

Warum lernen wir das Offensichtliche denn nicht? Was ist so "schwierig" am Kurs? Das scheint in der Tat mit der Einfachheit zusammen zu hängen. Denn aus irgendwelchen Gründen sind wir davon überzeugt, dass das Verworrene einfacher zu lernen ist als das Offensichtliche. Die Welt ist das Ergebnis unglaublicher, gewaltiger, intensiver und hartnäckiger Lernanstrengungen, die unermüdlich so lange wiederholt und mit immer neuen Gesichtspunkten auf sich genommen wurden, bis sie das Offensichtliche wirkungsvoll verschleierten. Deine Lernfähigkeit steht also völlig außer Frage, denn du warst in der Lage zu lernen, das du nicht du bist, dass dein Wille nicht dein Wille ist und dass deine Gedanken nicht deine Gedanken sind.

Die Fähigkeit des Lernens ist etwas Konstruiertes, eine Erfindung des scheinbar gespaltenen Geistes. Denn was sollte der Reine Geist lernen müssen. Er erkennt. Er weiß. Da gibt es keine Notwendigkeit zum Lernen. Aber wozu dient die Lernfähigkeit dann? Sie ist notwendig, um die "Trennungsfrage" zu beantworten: "Was ist das Gegenteil DESSEN, DER alles umschließt?" Ist die Frage ernst gemeint und wird sie auf Grund ihrer Absurdität nicht sofort verworfen, gibt es die Möglichkeit, eine Antwort zu finden: Indem die Konsequenzen erlernt werden. Schau dich um und bewundere das (scheinbare) Ergebnis DEINER Lernfähigkeit - ein ganzes Universum aus Raum und Zeit, bevölkert von einer Unzahl unabhängiger (getrennter) Lebewesen, zusammen- und aufrechterhalten vom Kitt der Angst.

Dabei gibt es nur zwei Lektionen: Die eine hast du durch enorme Anstrengungen unermüdlich "überlernt", also zutiefst verinnerlicht, die andere wird dir seit Anbeginn der Zeit angeboten. Du hast gelernt, dass der SOHN GOTTES schuldig ist - konkret: jedes Lebewesen, denn die SCHÖPFUNG wurde durch den Lernvorgang scheinbar in eine unübersehbare Vielfalt zersplittert. Die andere Lektion, die dir permanent angeboten wird, lautet: Der SOHN GOTTES ist unschuldig. Wiederum jedes Lebewesen, denn der Heilige Geist nutzt deine Lernfähigkeit hier und jetzt, in dieser "erlernten Welt". Er nutzt einfach alles, was du gemacht hast, für SEINE Zwecke. Aus jeder dieser beiden Lektion entsteht eine andere Welt. Deine Lektion zeigt dir eine Welt der Angst, SEINE Lektion führt dich zur Schau der wirklichen Welt.

Nun wird eine Lektion nicht durch Konfrontation mit einer anderen Lektion erlernt. Deine Lektion steht sicherlich der Lektion für die Wahrheit frontal und vehement entgegen: Die Wahrheit ist für dich viel zu kompliziert, der Kurs mit dem kleinen Verstand unmöglich zu lernen, und diese Behauptungen der Liebe können angesichts der gegenteiligen "Beweise" doch gar nicht stimmen.  Aber SEINE Lektion konfrontiert deine erlernte Welt hingegen nicht. Daher endet diese Abschnitt mit einer der für mich schönsten Stellen des Kurses:

Wir wollen still sein einen Augenblick,
alles vergessen, was wir je gelernt,
alle Gedanken, die wir je gedacht,
und jedes Vorurteil, das wir gehegt von allen Dingen und von ihrem Zweck.
Vergessen wollen wir, was wir uns denken vom Sinn der Welt.
Wir wissen nichts davon!
Wir wollen jedes Bild, das jedermann sich in Gedanken je gemacht
sich lösen und entschwinden lassen,
ganz und gar.
Sei ohne Urteil
und dir nicht bewusst des leisesten Gedankens,
weder gut noch bös,
der irgendwann und über irgend wen in dir entstand.
...


Herz Gregor
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#2
Danke vielmals, Gregor.
Dieser Beitrag könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen....

Immer wieder muss ich mich daran erinnern, wenn es flüstert: dieser Kurs ist viel zu kompliziert... dass er niemals mit dem, was man unseren 'Verstand" nennt, gelernt werden kann. Niemals! Und weil wir dies trotzdem versuchen -- man ist's ja so seit alters her gewohnt -- rennt man ständig auf eine Mauer nach der andern. Diese EINFACHHEIT kann das Ego ums Verrecken nicht verstehen bzw. akzeptieren und lehnt's dauernd ab -- lieber verweilt es in der Hölle, eben weil's Gewohnheit ist -- schon seit Jahrtausenden! Und inzwischen ist diese Welt, die wir zu sehen glauben, dermassen kompliziert geworden -- ich sehe da schon lange nicht mehr durch. Welcher Wahnsinn!

Schon seit Jahren steht folgendes Zitat auf meinem Tisch, worauf mein Blick täglich fällt. Es spiegelt ebenfalls diese EINFACHHEIT wider, die so schwer zu akzeptieren scheint:

A miracle is a correction. It does not create, nor really change at all. It merely looks on devastation, and reminds the mind that what it sees is false. (italics mine) It undoes error, but does not attempt to go beond perception, nor exceed the function of forgiveness.

So einfach, dennoch so schwer........zapperlot.......  Sad
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"Vergiss diese Welt, vergiss diesen Kurs, und komm mit völlig leeren Händen zu deinem Gott."
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#3
Die Bitte um das Wunder - ohne Wenn und Aber, ohne sich einzumischen, ohne irgendwelche Bedingungen zu postulieren, Erwartungen zu formulieren oder sich Vorstellungen über Ergebnisse zu machen. Und insbesondere, ohne alles das deshalb vermeiden zu wollen.

Viel zu einfach, um akzeptabel zu sein. Das Urteilen aufgeben? Kein Opfer mehr sein?

Heute morgen habe mir gedacht: Die Lektion der Unschuld und die Lektion der Schuld, was will ich lernen? Klar doch,die Lektion der Unschuld natürlich.

Wirklich?

Der Vollpfosten, der die Karawane der Pendler unnötig aufhält, weil er an der Ampel nicht aus dem Quark kommt, ist wirklich unschuldig?
Der gestylte Rennradfahrer, der mitten im Berufsverkehr auf der Landstraße schlecht beleuchtet abseits des Fahrradweges morgens um 6:30 Uhr die besagte Karawane ins Stocken bringt, ist unschuldig?
Die Ignoranten, die glauben, ihre Autos sind so breit, dass sie unbedingt 1,5 der besten Parkplätze der Firma benötigen, sind unschuldig?
Die Nichtsmerker, die Aufgaben über den Tisch schieben, für die sie selbst verantwortlich sind, sind unschuldig?
Die Servicekräfte, die die den Kaffeautomaten immer dann mindestens 30 Minuten reinigen, wenn die Mittagspause vorbei ist, sind unschuldig?
Ach ja, die Mittagspause ... und ... und ... nicht zu vergessen der Heimweg zur Stoßzeit ...

Sagenhaft, was da so an Unschuldslämmern rumläuft. Und immer wieder die "kleine Bereitschaft" aufbringen, hinschauen, sich beobachten, eine andere Wahl treffen, vergeben, daran glauben, dass nur die Unschuld wirklich ist? Sorry, aber wann soll ich vor lauter Ritualen, selbst wenn verinnerlicht, meinen Job machen?

Herz Gregor
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