Kontrolle und Führung
#1
In T-2.VI.3 gibt es diesen wunderbaren Satz:

Alles Unwichtige kann meiner Kontrolle überlassen werden, während alles Wichtige von meiner Führung gelenkt werden kann, wenn du das willst.

Gerade diese Stelle mit dem Unwichtigen, das ich SEINER Kontrolle überlassen kann, führt bei so manchem Kursanhänger zu äußerst seltsamen Verhaltensformen, die im krassen Gegensatz zu der einfachen Aufforderung stehen, die Kenneth Wapnick ständig und gerne wiederholt hat: "Sei normal!"

Das geht von der zunehmenden Abneigung, eigene Entscheidungen zu treffen, und damit jeden im Umfeld missionarisch oder "so ganz nebenbei bemerkt" zu belästigen, bis hin zur Weigerung, Verantwortung für seine (weltlichen) Projekte und Aufgaben zu übernehmen. Was sich dann hinter so Aussagen wie "Ein geheilter Geist plant nicht" verstecken kann. Leider liegt da kein geheilter Geist vor, nur ein angst-gesteuertes erleuchtetes Ego.

Erinnernwir uns an die schöne Geschichte von Anthony de Mello, wo der Schüler zum Zelt des Meisters geritten kommt und sagt: "Mein Gottvertrauen ist so groß, dass ich mein Kamel nicht angebunden habe. Gott wird dafür sorgen." Da sagt der Meister: "Geh und binde dein Kamel an! Und belästige Gott nicht mit den Kleinigkeiten, die du selbst erledigen kannst." (https://philipchircop.wordpress.com/2012...our-camel/)

Standardmäßig läuft die "Umsetzung" der obigen Textstelle so ab, dass jemand eine Frage an Jesus oder den Heiligen Geist stellt und dann nach innen lauscht, um eine Antwort oder einen "Handlungsimpuls" zu erhalten. Netter Versuch, erinnert mich an "Bestellungen beim Universum" von Bärbel Moor. Oder an Eileen Caddy in Findhorn (nette Dame, habe ich dort mal kennengelernt; bei ihr funktionierte das sogar, wie bei Helen Schucman). Ist aber nicht "die Technik", um die es im Kurs geht. Da geht es eher um so etwas wie die dritte Entscheidungsregel in T-30.I.:"Ich habe keine Frage. Ich weiß nicht, was ich entscheiden soll."

Bei solchen Textstellen ist üblicherweise der Kontext entscheidend. In welchem Zusammenhang taucht das Zitat auf? Was soll es uns sagen? In diesem Fall etwas schwierig, da es aus Kapitel T-2.VI stammt, also aus den ersten vier Kapiteln, bei denen beim Redigieren fast kein Stein auf dem anderen gelassen wurde. In diesem Fall fehlt beispielweise, was der Unterschied zwischen Kontrolle (Christ-conrol im Original) und Führung (Christ-guidance) ist. In der offiziellen Version finde ich dazu nichts (?). "Kontrolle" ist (gemäß Complete Version) unwillkürlich und unpersönlich, meistens mit Wundern in Zusammenhang gebracht, die keiner bewussten Kontrolle unterliegen sollen. Kontrolle ist also Bestandteil der Sühne (Atonement). Das soll also auch für die "Kleinigkeiten" gelten. Es gibt also absolut keinen Grund, IHN im Lokal zu fragen, ob ich das Steak oder die Pizza wählen soll. Oder ob und wie ich ein Projekt gestalten soll, die Planung also IHM überlasse. Nach Rückfrage, selbstverständlich. Das ist self-controlled, aus Angst! Man könnte es fear-control nennen, das Christ-control verhindert. Wobei der Kurs diesen Terminus nicht verwendet. Aber an obiger Stelle heißt es, dass Jesus wegen der Angst, die ich für unwillkürlich und unbeherrschbar halte, die Kontrolle nicht übernehmen kann.

Christ-guidance oder Führung hingegen ist persönlich und führt zu (persönlichen) Offenbarungen (nicht unpersönlichen Wundern!). Diese Führung bezieht sich auf alles Wichtige, und erfordert Entscheidungen von mir. Nichts, in Worten: nichts, der Dinge dieser Welt sind wichtig! Ohne jede Ausnahme! Nicht das Projekt, nicht die Berufswahl, nicht die Partnerwahl, nicht die Politik, nicht die Krankheit, absolut nichts davon! Wichtig ist nur deine Erlösung, die Übernahme deiner Funktion hier, das ist Gegenstand der Führung, alles andere nicht. Willst du seine Kontrolle, kontrolliere deine Angst, denn darüber hast du Kontrolle!

Die Angst kann nicht von mir kontrolliert werden, aber sie kann von dir selbst kontrolliert werden. Die Angst hindert mich daran, dir meine Kontrolle zu geben.

Das ist der Grund, warum ich mich wundere, warum sich so viele Kursschüler mit diesen ganzen Banalitäten aufwendig an IHN wenden, obwohl doch gerade SEINE Kontrolle diesen Aufwand aufheben soll, damit ich mich um das Wichtige kümmern kann - unter seiner Führung.

Herz Gregor
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#2
Ja klar, diesem Verständnis von Führung bin ich auch schon aufgesessen  Smile  zu fragen was ich "tun" soll, wie ich mich entscheiden soll usw.  Es gibt ein Buch von Lee Coit "nach Innen hören", das wurde früher auch vom Greuthof Verlag vertrieben, das hab ich mit Begeisterung gelesen. Da geht es genau um diese Führung im Außen, nach der ich mich halt auch heute noch immer wieder mal sehne. Denn es ist eben nicht so einfach zu glauben, daß das alles ohne jede Ausnahme unwichtig ist. Für mich jedenfalls. Theoretisch bekomm ich das schon hin, aber glauben tu ich es halt dann in der Praxis doch nicht  Big Grin 

Ich verstehe diese Textstelle jetzt so, daß "alles Unwichtige" sich auf unser Verhalten bezieht. Unser Verhalten wird von IHM automatisch geregelt bzw. kontrolliert - sobald wir unser Denken seiner Führung unterstellen. Berichtigung und Führung gehört auf die Ebene des Denkens, auf die Ebene der Ursache.
Herz 
Susanne
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#3
Ja, doch wieder mal sehr klar und deutlich zusammengefasst. Danke Gregor. 

Mir will es so scheinen, dass ich jeden Schritt ins Vertrauen (Nirgendwo auf der Welt bin ich in Gefahr) erstmal wieder mit einer Rückwärtsschleife zunichte mache. Das geht mittlerweile sehr schnell, und wird glücklicherweise so unerträglich,  dass diese Zeiten kürzer werden.

Herz
Susanne
„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr.“ Augustinus
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#4
Könnte sein, dass da gefühlsmäßig noch was fehlt? Ich frage einfach mal, weil eine ähnliche Darstellung andernorts auf Widerstand gestoßen ist.

Man könnte sich z.B. allein gelassen fühlen, wenn es heißt:[Die Angst] kann von dir selbst kontrolliert werden. Die Angst hindert mich daran, dir meine Kontrolle zu geben.Bekomme ich das in den falschen Hals, ist das eine Quelle von Schuldgefühlen und Opferbewusstsein. Oder da ist eine Hilflosigkeit, weil ich die Angst in ihren vielfältigen Formen nun mal als unwillkürlich und unbeeinflussbar empfinde. Oder ich fühle mich angegriffen, da meine bisherige Praxis und Mühe, mich in allen Dingen nach Möglichkeit an IHN zu wenden, vermeintlich in Frage gestellt wird. Vielleicht sehe ich auch meine erlernte Überzeugung gestört, dass "ich" ja gar nichts tun kann, mich also notwendigerweise an IHN wenden muss.

Dabei geht es nur um Kontrolle und Führung, zwei Begriffe, die Jesus hier verwendet. Warum zwei Begriffe, um das Unwichtige (alles Weltliche, ohne Ausnahme) von ihm kontrollieren zu lassen, das Wichtige (Erlösung, Schau, Wirkliche Welt, ...) durch seine Führung lenken zu lassen?

Kontrolle ist unwillkürlich und unpersönlich, Führung "interaktiv". Lasse ich kontrollieren, brauche ich mich nicht mehr zu kümmern, handle unwillkürlich. Dasselbe trifft auch auf Wunder zu, auch hier sollte er die Kontrolle haben. Also keine bewusste Steuerung, nur unwillkürliche Handlung - auf allen Ebenen: Denken, Fühlen, Machen, Eingebungen, Empfinden, ... In seiner einfachsten Form: Ein völlig Fremder lächelt dich an und sagt: "Guten Tag." Du lächelst zurück und erwiderst: "Hallo!" Ich kenne am anderen Ende vereinzelt auch Beispiele in kritischen Situationen, bei denen die Schrecksekunde ausbleibt, auch die anschließende Panik mit tiefem Durchatmen und Händezittern. Alles einfach genau richtig gelaufen. Oder denke an die Augenblicke, die man gerne "Flow" nennt. In diesem Flow kann die angesagte Handlung auch "Planung" sein, es geht also nicht darum, den Verstand an der Garderobe abzugeben. Ich lasse eben auch das Denken von ihm kontrollieren. Dem steht "nur" meine Angst entgegen. Die ich selbst kontrollieren muss. Sagt Jesus. Bleibt mir nichts anderes übrig, als im ersten wesentlichen Schritt die Verantwortung zu übernehmen.

Wie kontrolliere ich meine Angst? Viele Lektionen befassen sich genau mit diesem Thema, indem sie mich anleiten, wie ich der Angst in der jeweiligen Form die Grundlage entziehe. Hier löst sich auch der vermeintliche Widerspruch zwischen "Ich brauche nichts zu tun" und der Forderung, die Lektionen zu machen, auf. Ich bin sehr wohl aktiv damit beschäftigt, die Angst aufzuheben. Letztendlich läuft es auf das Mittel hinaus, das der Kurs in den Vordergrund stellt: Vergebung-zum-Erlösen.

Und eine der eindrücklichsten Formen dieser Vergebung habe ich hier von Kenneth Wapnik vorgestellt gesehen:

Vergebung ist still und tut ganz ruhig gar nichts. Sie schaut nur und wartet und urteilt nicht. (Ü-II.1)

Erinnere dich an diese Zeilen. Du schaust nur, du fühlst dich wirklich wütend, wirklich depressiv, wirklich ängstlich ... du kannst nachts nicht schlafen oder du bist die ganze Zeit krank. Alles, was du tun musst, ist, dir bewusst zu sein, dass das deine falsche Interpretation ist und dass es eine richtige Interpretation gibt. Du wählst noch nicht einmal die Rechtgesinntheit oder die richtige Interpretation. Alles, was du tust: Du übernimmst die Verantwortung - und dir wird bewusst: "Das ist es, was ich wähle". Du verurteilst dich nicht dafür, du beschimpfst dich nicht, sondern kommst nur zu der Einsicht: "Ich habe solche Angst vor der Wahrheit, ich habe solche Angst vor der Liebe, die in mir ist, die ich bin, dass ich bereit bin, durch diese Hölle zu gehen, die ich durchmache".

Und hier ist Schluss. Full stop. Punkt. Tu nichts weiter.

Herz Gregor
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#5
(03.10.2019, 11:58)Gregor schrieb: Erinnere dich an diese Zeilen. Du schaust nur, du fühlst dich wirklich wütend, wirklich depressiv, wirklich ängstlich ... du kannst nachts nicht schlafen oder du bist die ganze Zeit krank. Alles, was du tun musst, ist, dir bewusst zu sein, dass das deine falsche Interpretation ist und dass es eine richtige Interpretation gibt. Du wählst noch nicht einmal die Rechtgesinntheit oder die richtige Interpretation. Alles, was du tust: Du übernimmst die Verantwortung - und dir wird bewusst: "Das ist es, was ich wähle". Du verurteilst dich nicht dafür, du beschimpfst dich nicht, sondern kommst nur zu der Einsicht: "Ich habe solche Angst vor der Wahrheit, ich habe solche Angst vor der Liebe, die in mir ist, die ich bin, dass ich bereit bin, durch diese Hölle zu gehen, die ich durchmache".

Und hier ist Schluss. Full stop. Punkt. Tu nichts weiter.

Herz Gregor

Herz Jaaa, Danke Franziska
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#6
(03.10.2019, 12:14)Franziska schrieb:
(03.10.2019, 11:58)Gregor schrieb: Erinnere dich an diese Zeilen. Du schaust nur, du fühlst dich wirklich wütend, wirklich depressiv, wirklich ängstlich ... du kannst nachts nicht schlafen oder du bist die ganze Zeit krank. Alles, was du tun musst, ist, dir bewusst zu sein, dass das deine falsche Interpretation ist und dass es eine richtige Interpretation gibt. Du wählst noch nicht einmal die Rechtgesinntheit oder die richtige Interpretation. Alles, was du tust: Du übernimmst die Verantwortung - und dir wird bewusst: "Das ist es, was ich wähle". Du verurteilst dich nicht dafür, du beschimpfst dich nicht, sondern kommst nur zu der Einsicht: "Ich habe solche Angst vor der Wahrheit, ich habe solche Angst vor der Liebe, die in mir ist, die ich bin, dass ich bereit bin, durch diese Hölle zu gehen, die ich durchmache".

Und hier ist Schluss. Full stop. Punkt. Tu nichts weiter.

Herz Gregor

Herz Jaaa, Danke Franziska

Danke auch von mir noch einmal!
„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr.“ Augustinus
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