Heute morgen in der Kirche ...
#1
... genauer gesagt: in der virtuellen Kirche. Im Fernsehen. Evangelischer Gottesdienst aus Oldenburg.

Die Bänke waren besetzt mit dem Chor, jeder mit mindestens einem Meter Abstand vom Anderen. Mein erster Impuls war "natürlich" das Ablästern darüber, dass noch nicht einmal zum Fernsehgottesdienst genügend Kirchenbesucher in eine evangelische Kirche kommen und die Kirche daher mit dem Chor großflächig gefüllt werden muss. Denn meine Frau ist evangelisch.  Zwinker

Erst dann habe ich gemerkt, dass ich offenbar den Schuss noch nicht richtig gehört habe. Obwohl die lokalen Wurstblätter voll sind mit Absagen von kleinen und kleinsten Veranstaltungen, obwohl es den Rat gibt, Abstand zu halten. Ich hatte es noch nicht gesehen, was das praktisch heißt, es ging offenbar zu schnell. Und so fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren - das war genau das, was wir zunehmend zu sehen wünschen, große Abstände zwischen den Brüdern:

Sünden sind Überzeugungen, die du zwischen dich und deinen Bruder stellst. Sie begrenzen dich auf Zeit und Ort und geben dir einen kleinen Raum und ihm einen anderen kleinen Raum. In deiner Wahrnehmung wird dieses Sichabtrennen durch einen Körper symbolisiert, der eindeutig getrennt ist und ein Ding für sich. Das aber, was dieses Symbol darstellt, ist nur dein Wunsch, unabhängig und ge­trennt zu sein. (T-26.VII.8)

Der winzig kleine vorgestellte bzw. erlernte "Raum" ohne reale Existenz ist plötzlich und kurzfristig größer geworden. Der Raum, an den wir heiß und innig glauben. um unsere Unabhängigkeit zu zelebrieren. Der Raum, der einen amerikanischen Präsidenten dazu bringt, eine deutsche Firma mit hohen finanziellen Mitteln in die USA zu locken, damit sie ihren Impfstoff für Corona exklusiv für Amerikaner produziert. Der Raum, der den Wahnsinn symbolisiert und den Wahnsinn nun noch einmal richtig schürt. Der Raum, der aus Brüdern  Brüder*Innen oder Brüdernde macht und ihnen weder Nudeln noch Klopapier gönnt. Und so geht es weiter an dieser Textstelle:

Die Vergebung nimmt das weg, was zwischen dir und deinem Bruder steht. Sie ist der Wunsch, dass du mit ihm verbunden und nicht von ihm getrennt sein mögest. Wir sprechen von „Wunsch“, weil sie sich noch andere Wahl­möglichkeiten vorstellt und noch nicht ganz über die Welt der Wahl hinaus­gelangt ist.

Aber warum "geschieht" das? Als Übungsfeld, um uns eine andere Wahl treffen zu lassen? Als "kleiner Hinweis", dass wir nicht genug vergeben? Als Aufforderung vom heiligen Dr. Prügelpeitsch, endlich aus dem Quark zu kommen und die SÜHNE anzunehmen, wobei der Kurs letzteres nahezu gebetsmühlenartig wiederholt?

Nee, eigentlich viel einfacher: Es geschieht, weil wir das so wollen. Es ist unser Wunsch, nix weiter. Kein Grund, das einer "höheren Macht" in die Schuhe zu schieben. Oder den chinesischen Brüdernden. Wir wollen es so. Ende Gelände.

Das Geheimnis der Erlösung ist nur dies: Dass du dir dieses selber antust. Der Form des Angriffs völlig ungeachtet ist dies dennoch wahr. Wer immer auch die Rolle von Feind und von Angreifer übernimmt, dies ist trotzdem die Wahrheit. Was immer auch die Ursache von irgendeinem Schmerz und Leiden, das du verspürst, zu sein scheint, dies ist dennoch wahr. (T-27.VIII.10)

Wat nu? Binde dein Kamel an, wie Anthony De Mello*) so schön geschrieben hat an und erkenne den Raum als das, was er ist: NIX. Lasse ihn verschwinden. Wie? Sei still und vergiss alles, was du je gelernt, alle Gedanken, die du je gedacht, und jedes Vorurteil, das du gehegt, von allen Dingen und von ihrem Zweck ... Und teile dein Klopapier mit deinem Bruder.

Herz Gregor

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*)
Gott und das Kamel

Ein Schüler kam auf seinem Kamel zum Zelt des Sufi-Meisters geritten.
Er stieg ab und ging direkt in das Zelt hinein, verneigte sich tief und sagte:

"Mein Vertrauen in Gott ist so groß, dass ich mein Kamel draußen nicht angebunden habe,
weil ich überzeugt bin, Gott wird die Interessen derer, die ihn lieben schützen."

"Geh und binde dein Kamel an, du Narr", sagte der Meister,
"man soll Gott nicht mit Dingen belästigen, die man selbst erledigen kann."
(Anthony de Mello)
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#2
Grossartig!  Klatsch
Schöne Sonntagspredigt...sehr brauchbar.  Herz
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"Vergiss diese Welt, vergiss diesen Kurs, und komm mit völlig leeren Händen zu deinem Gott."
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